11. KAPITEL

 

DAS GRAB EINER KÖNIGIN

 

Mr. Trelawnys Hoffnung war mindestens so groß wie meine. Er ist nicht so schwankend in seiner Gemütslage wie ich und keinem ständigen Auf und Ab von Hoffnung und Verzweiflung unterworfen. Er setzt sich bestimmte Ziele, die schließlich bloße Hoffnung zu festem Glauben werden lassen. Zuweilen hatte mich die Befürchtung heimgesucht, es hätte zwei solcher Steine gegeben oder die Abenteuer Van Huyns wären bloße Phantastereien eines Weitgereisten, die er auf irgendeine alltägliche Erwerbung des Juwels in Alexandria, Kairo, London oder Amsterdam gründete. Mr. Trelawny aber ließ sich in seinem Glauben nicht ein einziges Mal erschüttern. Doch gab es vieles, was unsere Gedanken von Glauben oder Nicht-glauben ablenkte. Dies alles trug sich kurz nach Arabi Pasha zu, und Ägypten war für Reisende eine unsichere Gegend, schon gar, wenn es sich um Engländer handelte. Mr. Trelawny aber kennt keine Furcht. Und manchmal meine ich, daß auch ich kein Feigling bin. Wir stellten eine Gruppe von Arabern zusammen, die wir von früheren Wüstenexpeditionen kannten und denen wir trauen konnten, besser gesagt, wir mißtrauten ihnen nicht so sehr wie den anderen. Wir waren zahlreich genug, um uns bei zufälligen Begegnungen mit Räuberbanden zu verteidigen, und wir führten viel Gepäck mit uns. Das Einverständnis und die passive Mithilfe der England noch immer freundlich gesinnten Beamten hatten wir uns gesichert. Ich brauche wohl kaum hervorzuheben, daß wir uns dieses Wohlwollen dank Mr. Trelawnys Mittel erkauft hatten. In Dahabiy gelangten wir nach Assuan, von wo aus wir uns, nachdem wir dem Scheich ein paar Araber abgeschwatzt und das übliche Bakschisch verteilt hatten, auf den Weg durch die Wüste machten.

Nun denn, nach langem Umherwandern und nachdem wir jeder Windung in dem unendlichen Hügelgewoge nachgegangen waren, gelangten wir bei Einbruch der Dunkelheit zu einem Tal, das genauso war, wie Van Huyn es beschrieben hatte. Ein Tal umgeben von hohen, steilen Felswänden, das sich in der Mitte verengte und an den Ausgängen im Westen und Osten breiter wurde. Im Tageslicht standen wir gegenüber dem Felsen und konnten mit Leichtigkeit die Öffnung hoch oben in der Wand ausmachen und auch die Hieroglyphen, die ursprünglich als Tarnung der Öffnung dienen sollten.

Doch die Hieroglyphen selbst, die Van Huyn und seine Zeitgenossen vor ein Rätsel gestellt hatten, waren für uns kein Geheimnis mehr. Die vielen Gelehrten, die ihren Verstand und ihr Leben diesem Werk gewidmet hatten, hatten den rätselhaften Kerker der ägyptischen Sprache aufgeschlossen. Auf der behauenen Oberfläche der Felswand konnten wir, die wir die Geheimnisse kannten, lesen, was die Priesterschaft Thebens hier vor fast fünfzig Jahrhunderten geschrieben hatte.

Denn daß die Inschrift das Werk der Priester war – feindlicher Priester – daran konnte kein Zweifel bestehen. Die Hieroglypheninschrift lautete wie folgt:

»Niemals mögen die Götter an diesen Ort gelangen. Die »Namenlose« hat sie beleidigt und soll auf ewige Zeiten einsam bleiben. Haltet euch fern, damit ihre Rache euch nicht trifft!«

Diese Warnung mußte zur Zeit, als sie geschrieben wurde, sehr mächtig gewesen sein, auch noch Tausende Jahre nachher, auch als die Sprache, in der sie abgefaßt war, für die Menschen des Landes längst schon ein totes Geheimnis war. Die Überlieferung einer solchen Schreckensdrohung überdauert oft die eigentliche Ursache. Sogar in den benutzten Symbolen war die ständige Wiederholung auffallend. »Auf ewige Zeiten« wird in den Hieroglyphen als »Millionen von Jahren« angegeben. Dieses Symbol nun war neunmal wiederholt in Dreiergruppen. Und nach jeder Gruppe folgte das Symbol der Oberwelt, der Unterwelt und des Himmels. Die Rache der Götter verbot dieser Einsamen eine Auferstehung in der Welt der Sonne, in der Welt der Toten und der Seele ein neues Leben im Reich der Götter.

Mr. Trelawny und ich wagten unseren Leuten nicht die Bedeutung des Geschriebenen zu erläutern. Obwohl sie nicht mehr an die Religion glaubten, der dieser Fluch entstammte und auch nicht an die Götter, mit deren Vergeltung hier gedroht wurde, waren sie doch so abergläubisch, daß sie, hätten sie Bescheid gewußt, wahrscheinlich alles hingeworfen und auf und davon gelaufen wären.

Ihre Unwissenheit und unser Stillschweigen retteten uns. Wir schlugen in unmittelbarer Nähe unser Lager auf, jedoch hinter einem vorspringenden Felsen, so daß sie die Inschrift nicht ständig vor Augen haben mußten. Denn der überlieferte Name »Tal des Magiers« flößte ihnen Furcht ein und uns ihretwegen. Aus mitgebrachtem Holz wurde eine Leiter verfertigt. An einem Balken, der ganz oben am Felsen vorragte, hängten wir einen Flaschenzug. Die große, als Tür dienende Steinplatte war nur unbeholfen wieder an die vorbestimmte Stelle geschoben und mit ein paar Steinen abgesichert worden. Sie wurde durch ihr eigenes Gewicht an Ort und Stelle festgehalten. Um eindringen zu können, mußten wir die Platte hineindrücken, und kletterten sodann über sie hinweg. Wir fanden die große Kettenrolle am Fels befestigt, wie Van Huyn sie beschrieben hatte. In den Trümmern der großen Steintür, die oben und unten an eisernen Scharnieren gehangen hatte, fand sich eine Fülle von Beweisen, daß ursprünglich Vorsorge getroffen worden war, sie von innen zu schließen und festzumachen.

Mr. Trelawny und ich gingen allein in die Gruft. Wir hatten eine Unzahl von Lichtern mitgebracht, die wir unterwegs festmachten. Wir wollten uns als erstes einen Überblick verschaffen und uns erst dann in die Einzelheiten vertiefen. Mit jedem Schritt wuchsen Verwunderung und Entzücken. Das Grab war eines der großartigsten und schönsten, das wir je zu Gesicht bekommen hatten. Die künstlerische Vollendung von Skulpturen und Malerei, die Vollkommenheit der Ausarbeitung, ließen klar erkennen, daß die Gruft schon zu Lebzeiten derjenigen geschaffen worden war, als deren letzte Ruhestätte sie schließlich dienen sollte. Die Hieroglyphenzeichnungen waren von großer Feinheit und von hervorragender Färbung. In dieser hochgelegenen Höhle, fern von den Feuchten Nilfluten, war alles so frisch, als hätten die Künstler eben erst ihr Werk vollendet. Etwas aber war nicht zu übersehen. Zwar war die Hieroglyphenschrift an der Außenwand das Werk der Priesterschaft, doch das Glätten der Oberfläche war vermutlich von den Erbauern durchgeführt worden. Die Symbolik der Malerei und der Inschriften im Inneren brachte dieselbe Idee zum Ausdruck. Die äußere Höhle, teils natürlichen Ursprungs, teils künstlich herausgehauen, war vom architektonischen Standpunkt aus nur eine Vor-Kammer. An ihrem Ende, dem Osten zugewandt, war ein säulengeschmücktes Portal, aus dem Fels gehauen. Die massiven Säulen waren siebeneckig, etwas, was wir noch in keinem anderen Grab gesehen hatten. Auf dem Architrav war das Mondboot nachgebildet und darin Hathor mit dem Kuhschädel und dem scheibenförmigen, federngezierten Kopfschmuck, neben ihr der hundsköpfige Hapi, der Gott des Nordens. Das Boot wurde von Harpocortes gen Norden gesteuert, dargestellt vom Polarstern, umgeben von Draco und dem Großen Bären. Im letztgenannten Sternbild waren jene Sterne, die wir »Wagen« nennen, größer als alle anderen dargestellt. Sie waren so vergoldet, daß sie im Fackellicht bedeutungsvoll aufzuleuchten schienen. Nach Durchschreiten des Portales fanden wir die zwei üblichen Räumlichkeiten eines Felsengrabes vor, die Kammer oder Kapelle und die eigentliche Gruft, vollständig wie Van Huyn festgestellt hatte, obgleich zu einer Zeit die Bezeichnungen der alten Ägypter für diese Teile noch unbekannt waren.

Die Stelle oder Schrifttafel, die an der Westwand tief unten angebracht war, erwies sich als so bemerkenswert, daß wir sie eingehend untersuchten, noch ehe wir weiter zur Mumie gingen, die das eigentliche Ziel unserer Suche war. Diese Stelle nun war eine große Tafel aus Lapislazuli, über und über mit ganz kleinen aber wunderschönen Hieroglyphen bedeckt. Die hauchdünnen Ritzen waren mit einem besonders feinen zinnoberroten Bindemittel ausgefüllt. Die Inschrift begann mit den Worten:

»Tera, Königin beider Ägypten, Tochter des Antef, Herrscherin des Nordens und des Südens, Tochter der Sonne, Königin des Stirnreifs.«

Sodann folgte in voller Länge die Geschichte ihres Lebens und ihrer Regierung.

Die Insignien der Herrschaft waren mit wahrhaft weiblichem Schwelgen im Zierat wiedergegeben. Die vereinigten Kronen des Oberen und Unteren Ägyptens waren im besonderen mit großer Genauigkeit in den Stein geschnitten. Für uns beide war es neu, Hejet und Desher – die Weiße und die Rote Krone der beiden Ägypten – auf der Stele einer Königin anzutreffen. Denn es war im alten Ägypten eine Regel ohne Ausnahme, daß beide Kronen nur von Königen getragen wurden, wenngleich sie auch Göttinnen schmücken können. Später fanden wir eine Erklärung dafür, über die ich in Kürze genaueres ausführen will.

Eine Inschrift wie diese war an sich schon eine aufregende Sache, aber Sie haben ja keine Vorstellung von der Wirkung, die sie auf uns ausübte. Zwar waren unsere Augen nicht die ersten, die sie sahen, sie waren jedoch die ersten, die sie mit Verständnis ansahen, seitdem vor nahezu fünftausend Jahren der Steinblock vor der Felsöffnung festgemacht worden war. Uns war es nun gegeben, die Botschaft der Toten zu lesen. Es war die Botschaft einer, die gegen die Alten Götter aufgestanden war und sich der Herrschaft über sie gerühmt hatte, als die Priesterhierarchie behauptete, sie hätte es in der Hand sie gütig zu stimmen oder ihren Zorn zu erregen.

Die Wände der oberen Grabkammer und der Sarkophag-Kammer waren dicht beschrieben. Alle Inschriften, mit Ausnahme jener auf der Stele, waren blaugrün pigmentiert. Wenn man sie von der Seite her betrachtete und der Blick die grünen Facetten erfaßte, hatte man den Eindruck, es wäre ein alter, verblaßter indischer Türkis.

Mit Hilfe des mitgebrachten Flaschenzuges ließen wir uns in die eigentliche Grabkammer hinunter. Trelawny machte den Anfang. Es war eine tiefe Gruft, mehr als siebzig Fuß tief, die nie aufgefüllt worden war. Der Gang auf dem Grund stieg sanft zur Grabkammer an. Er war länger als gewöhnlich und war nicht zugemauert.

Im Inneren der Grabkammer fanden wir einen großen Sarkophag aus gelbem Stein. Aber den brauche ich nicht zu beschreiben. Sie kennen ihn aus Mr. Trelawnys Zimmer. Der Deckel lag auf dem Boden. Er war nicht festgemacht gewesen, genauso wie Van Huyn es beschrieben hatte. Unnötig zu sagen, daß wir von höchster Aufregung erfaßt wurden, als wir hineinblickten. Eine Spur von Enttäuschung muß sich wohl dazugesellt haben. Denn ich dachte daran, wie anders wohl der Anblick gewesen sein mußte, der sich dem holländischen Reisenden damals geboten hatte, als er in den Sarkophag blickte und die weiße Hand wie lebendig auf den Mumientüchern liegen sah.

Dafür erlebten wir eine Aufregung, die Van Huyn nicht gekannt hatte! Der Stumpf des Gelenkes war nämlich mit getrocknetem Blut bedeckt! Es war, als hätte der Leichnam nach Eintritt des Todes noch geblutet. Die gezackten Enden des abgebrochenen Gelenkes starrten vor verkrustetem Blut. Und der weiße Knochen, der herausragte, sah aus wie Opalgestein. Das Blut war geflossen und hatte die braunen Umhüllungen rostig gefärbt. Hier hatten wir nun die volle Bestätigung des Berichtes. Mit diesem Beweis vor Augen, konnten wir auch die anderen Einzelheiten nicht mehr in Zweifel ziehen, wie beispielsweise das Blut an der Mumienhand oder die Abdrücke der sieben Finger an der Kehle des erwürgten Scheichs.

Ich will Sie nicht mit allen Einzelheiten, die wir sahen, behelligen, noch viel weniger mit dem, was wir erfuhren. Teils waren es Dinge, die allen Gelehrten bekannt sind, teils entnahmen wir die Einzelheiten der Stele, den Skulpturen und den Hieroglyphenzeichen an den Wänden.

Königin Tera entstammte der elften oder Thebanischen Dynastie der ägyptischen Könige, einer Dynastie, die zwischen dem neunundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten Jahrhundert vor Christus herrschte. Da sie das einzige Kind ihres Vaters Antef war, gelangte sie nach ihm auf den Thron. Tera muß von Charakter und Fähigkeiten her ein ungewöhnliches Mädchen gewesen sein, denn als sie Königin wurde, war sie noch ganz jung. Ihre Jugend und ihr Geschlecht ermutigten die ehrgeizige Priesterschaft noch mehr, die um diese Zeit ohnehin schon große Machtfülle besaß. Dank ihres Reichtums, ihrer Vielzahl, und ihrer Gelehrsamkeit beherrschten sie ganz Ägypten, insbesondere den oberen Teil. Ein Umsturz wurde geplant, um die Macht des Königtums auf die Priesterschaft zu übertragen. König Antef aber hatte das vorausgesehen und insofern eine Vorsichtsmaßnahme ergriffen, als er seiner Tochter die Ergebenheit der Armee sicherte. Zusätzlich hatte er sie in der Staatskunst unterweisen und ihr das Wissen der Priester vermitteln lassen. Dazu hatte er sich der Priester eines bestimmten Kultes bedient und sie gegen die anderen ausgespielt, denn beide Gruppen machten sich Hoffnungen, Einfluß auf den König und schließlich auf dessen Tochter zu gewinnen. So war die Prinzessin unter Gelehrten aufgewachsen und hatte sich als überaus begabt erwiesen. Das alles war an den Wänden bildhaft oder in wundervoller Hieroglyphenschrift dargestellt. Wir gelangten zu dem Schluß, daß nicht wenig davon der Prinzessin selbst zu verdanken war, denn man hatte sie gewiß nicht grundlos auf der Stele »Schutzherrin der Künste« genannt.

Doch der König war noch weitergegangen und hatte seine Tochter in der Magie unterwiesen, so daß sie Macht über den Schlaf und den Willen erlangte. Das war echte Magie – »schwarze Magie« – und nicht die der Tempel, die harmloser Natur war, sogenannte »weiße« Magie, eher dazu angetan Eindruck zu machen, als Wirkungen zu erzielen. Tera hatte, als begabte Schülerin ihre Lehrmeister bald weit überflügelt. Ihre Macht und ihre Hilfsmittel hatten ihr viele Möglichkeiten eröffnet, die sie bis zum letzten ausschöpfte. So war sie selbst in die Gruft hinabgestiegen, hatte sich einhüllen und in den Sarg legen lassen und war als Tote einen Monat lang so belassen worden. Die Priester hatten versucht, es so darzustellen, daß die echte Tera bei dem Experiment zu Tode gekommen war, und daß man an ihre Stelle ein anderes Mädchen vorgeschoben hätte. Doch sie hatte ihnen bewiesen, daß sie sich irrten. Das alles wurde in Bildern von großem künstlerischem Wert erzählt. Wahrscheinlich ging von ihrer Zeit der Impuls zur Wiedererlangung der künstlerischen Größe der vierten Dynastie aus, die ihren Gipfel in den Tagen Chufus erreicht hatte.

In der Sarkophag-Kammer gab es Bilder und Schriftzeichen, die erkennen ließen, daß sie den Sieg über den Schlaf davongetragen hatte. Allenthalben wurde ein Symbolismus sichtbar, der selbst in einem Land und in einem Zeitalter der Symbolsprache ungewöhnlich wirkte. Hervorgehoben wurde besonders die Tatsache daß sie, obgleich Königin, alle Privilegien eines männlichen Königs in Anspruch nahm. An einer Stelle war sie in Männerkleidung abgebildet, mit weißer und roter Krone. Im folgenden Bild trug sie Frauenkleidung, aber immer noch die Kronen beider Ägypten, während die Männerkleidung zu ihren Füßen lag. In allen Bildern, in denen es um Hoffnung, um ein Ziel oder um Auferstehung ging, stand zusätzlich das Symbol des Nordens. Und an vielen Stellen – stets bei Darstellungen bedeutender Ereignisse in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – stand das Sternbild des Wagens. Dieses Sternbild sah sie offenbar als mit ihrer Person besonders verbunden an.

Aber die vielleicht bemerkenswerteste Feststellung in den Berichten, sowohl auf der Stele als auch in den Wandinschriften, war jene, daß Königin Tera Macht über die Götter besaß. Es war dies übrigens kein Einzelfall in der Geschichte Ägyptens. Doch war die Ursache hier eine andere. Tera hatte auf einen skarabäusförmigen Rubin, der ein aus sieben Sternen bestehendes Sternbild aufwies, Zauberworte einritzen lassen, mit deren Hilfe sie alle Götter, jene der Ober- und die der Unterwelt, in ihrer Gewalt hatte.

In der Mitteilung wurde nun ausgeführt, daß sie von dem Haß der Priester wußte, die nach ihrem Tod versuchen würden, ihren Namen zu unterdrücken. Und dies war eine gräßliche Rache im alten Ägypten, das lassen Sie sich gesagt sein. Denn ohne Namen kann man nach dem Tod nicht den Göttern vorgestellt werden, und niemand kann für einen Gebete sprechen. Aus diesem Grund hatte sie ihre Auferstehung für eine sehr viel spätere Zeit in einem im Norden gelegenen Land geplant, und zwar unter jener Konstellation, deren sieben Sterne bei ihrer Geburt geherrscht hatten. Zu diesem Zweck mußte ihre Hand an der Luft bleiben – »unverhüllt« – und in der Hand mußte sich der Stein der Sieben Sterne befinden, so daß sie, wo immer Luft war, sich bewegen konnte, wie ihr »Ka« sich bewegen konnte! Nach einiger Überlegung kam ich mit Trelawny überein, daß dies nichts anderes bedeutete, als daß ihr Leib sich auf Befehl in einen Astralleib verwandeln konnte und dergestalt imstande war, sich zu bewegen, Partikel für Partikel, um sich sodann wieder zusammenzufügen – wann und wo es gewünscht wurde. Außerdem fanden wir einen schriftlichen Hinweis auf ein Kästchen oder einen Behälter, der alle Götter enthalten sollte, dazu den Willen und den Schlaf, beide durch Symbole personifiziert. Das Kästchen wurde als siebenseitig beschrieben. Es stellte für uns daher keine besondere Überraschung dar, als wir unter den Füßen der Mumie diesen Behälter entdeckten, den Sie gewiß in Mr. Trelawnys Zimmer gesehen haben. Am unteren Teil der Leinenbandagen des linken Fußes war im gleichen Rot wie auf der Stele das Hieroglyphenzeichen für »viel Wasser« und unter dem rechten Fuß das Zeichen für »Erde« gemalt. Wir entschlüsselten diese Symbole dahingehend, daß ihr unsterblicher und nach Belieben bewegbarer Leib Land und Wasser beherrschte und auch Luft und Feuer – letztere wurden durch das Licht des Stern-Juwels und durch Feuerstein und Eisen dargestellt, die außerhalb der Mumien-Umhüllung lagen.

Als wir den Behälter aus dem Sarkophag hoben, bemerkten wir an seinen Seiten die merkwürdigen Auswüchse, die Sie selbst gesehen haben. Damals konnten wir uns keinen Reim darauf machen. Die wenigen im Sarkophag befindlichen Amulette waren weder was ihren Wert noch was ihre Bedeutung betraf bemerkenswert. Wir gingen davon aus, daß, falls es kostbare Amulette gab, diese wohl innerhalb der Umhüllung liegen mußten oder, was noch wahrscheinlicher war, in dem sonderbaren Behälter unter den Füßen der Mumie. Dieser ließ sich aber nicht öffnen. Zwar sahen wir Anzeichen dafür, daß oberer und unterer Teil getrennt waren, doch waren die beiden Hälften so exakt aneinandergefügt, daß eine Fuge kaum auszumachen war. Wir nahmen an, daß der Verschluß irgendwie von innen her betätigt worden war. Das alles erzähle ich nur, damit sie Dinge verstehen, mit denen sie später vielleicht zu tun haben dürften. Sie müssen sich vorderhand jeglichen Urteils enthalten. Im Zusammenhang mit dieser Mumie haben sich Dinge von solcher Absonderlichkeit ereignet, daß wir lernen müssen umzudenken. Es ist absolut unmöglich, gewisse Vorfälle mit dem normalen Leben und unserem althergebrachten Wissen in Einklang zu bringen.

Wir hielten uns so lange in der Umgebung des Tals auf, bis wir die Zeichnung und Inschriften von den Wänden, der Decke und vom Boden einigermaßen kopiert hatten. Die Lapislazuli-Stele mit der roten Inschrift nahmen wir mit uns, ebenso den Sarkophag und die Mumie, sodann die Steintruhe mit den Alabastergefäßen, die Tische aus Blutstein, Alabaster, Onys und Karneol, und die Elfenbeinkopfunterlagen, deren Wölbung auf »Stützen« ruhten, um die jeweils ein aus Gold gearbeiteter Uräus geschlungen war. Wir nahmen sämtliche Gegenstände aus der Grabkammer und der Mumiengruft mit. Die hölzernen Boote mit ihren Besatzungen, die Ushaptiu-Figuren und die Symbol-Amulette.

Nachdem wir abgestiegen waren, holten wir die Leitern ein und vergruben sie in einiger Entfernung im Sand unter einem Felsen, den wir uns gut merkten, damit wir sie nötigenfalls wiederfinden konnten. Sodann machten wir uns mit unserer gewichtigen Last auf den mühsamen Rückweg zum Nil. Keine leichte Aufgabe, den großen Sarkophag durch die Wüste zu schaffen. Wir verfügten über einen primitiven Karren und über ausreichend Leute, die ihn ziehen konnten, doch zog sich der Marsch für unsere Begriffe entsetzlich in die Länge, weil wir es kaum erwarten konnten, unsere Schätze an einem sicheren Ort unterzubringen. Besonders die Nächte waren schlimm, weil wir in der Dunkelheit einen Überfall von umherziehenden Räuberbanden befürchteten. Noch mehr Angst aber hatten wir vor den eigenen Leuten. Schließlich waren es habgierige und skrupellose Gesellen, und wir führten eine beträchtliche Anzahl wertvoller Sachen mit uns. Zwar wußten unsere Begleiter nicht, warum diese Dinge so wertvoll waren, doch nahmen sie als sicher an, daß wir uns nur wegen außergewöhnlicher Kostbarkeiten dieser Mühe unterzogen. Wir hatten die Mumie aus dem Sarkophag genommen und sie den Unbilden der Reise wegen in einem anderen Behälter untergebracht. Schon in der ersten Nacht wurden zwei Diebstahls versuche unternommen, und am Morgen fanden wir zwei Mann tot auf.

In der zweiten Nacht kam ein heftiger Sturm auf, einer jener schrecklichen »Samum« genannten Wüstenstürme, die einem seine eigene Hilflosigkeit erkennen lassen. Der aufgewirbelte Sand machte uns schwer zu schaffen. Etliche unserer Beduinen waren schon vor Ausbruch des Sturms geflohen in der Hoffnung, irgendwo Schutz zu finden. Wir anderen harrten, in unsere Burnusse gehüllt, geduldig aus. Am Morgen, nachdem der Sturm sich gelegt hatte, förderten wir unter den Sandhaufen so viel von unserem Gepäck zutage, wie wir nur konnten. Die Kiste, in der wir die Mumie verpackt hatten, fanden wir aufgebrochen vor, die Mumie selbst blieb unauffindbar. Wir suchten überall und schaufelten den Sand weg, der sich um uns herum aufgehäuft hatte. Vergebens. Nun waren wir ratlos, denn Trelawny hatte sein Herz darangesetzt, die Mumie nach England zu schaffen. Einen ganzen Tag warteten wir ab in der Hoffnung, die geflüchteten Nomaden würden wieder auftauchen. Irgendwoher nahmen wir die törichte Hoffnung, daß sie die Mumie aus dem Karren gestohlen hatten und sie uns wieder zurückbringen würden. In jener Nacht weckte Mr. Trelawny mich kurz vor Morgengrauen und flüstere mir zu:

»Wir müssen zurück zum Grab im Tal des Magiers. Lassen Sie keine Unsicherheit erkennen, wenn ich am Morgen den Tagesbefehl ausgebe. Falls Sie Fragen bezüglich unseres Zieles stellen, wird es nur Verdacht erregen und unsere Absicht gefährden!«

»Also gut«, gab ich zurück. »Aber warum sollen wir dorthin?« Seine Antwort bewirkte, daß mich ein Schauer der Erregung überlief, so als hätte er einen bereits vorhandenen Akkord angeschlagen.

»Dort werden wir die Mumie finden! Davon bin ich felsenfest überzeugt.« Meinen Zweifeln und Gegenargumenten zuvorkommend, setzte er hinzu: »Warten Sie ab! Sie werden schon sehen!« Und damit ließ er sich auf seine Decke zurücksinken.

Die Araber nahmen es mit Verwunderung auf, als wir den Weg zurückgingen, den wir gekommen waren. Es waren auch etliche darunter, die ihrem Unmut Luft machten. Es kam zu Zwistigkeiten, und es sollten Desertionen folgen. Unsere Begleitung war daher beträchtlich zusammengeschrumpft, als wir wieder nach Osten aufbrachen. Zunächst ließ sich der Scheich keine Neugier anmerken, was unser Ziel betraf. Als es aber klar wurde, daß wir wieder dem Tal des Magiers zustrebten, zeigte er sich höchst besorgt. Und sein Furcht wuchs je mehr wir uns dem Ziel näherten, bis er schließlich, vor dem Eingang ins Tal sich schlichtweg weigerte weiterzugehen. Er sagte, er wolle an dieser Stelle auf unsere Rückkehr warten, wenn wir unbedingt allein gehen wollten. Drei Tage lang wollte er warten. Sollten wir bis dahin nicht zurück sein, würde er aufbrechen. Von diesem Entschluß ließ er auch nicht ab, als wir ihm eine stattliche Summe anboten. Das einzige Zugeständnis machte er, als er uns anbot, er wolle für uns die Leitern ausgraben und sie zum Felsen schaffen. Das tat er denn auch. Und dann begab er sich mit den anderen zurück, um am Taleingang auf unsere Rückkehr zu warten.

Mr. Trelawny und ich begannen nun mit Seilen und Fackeln von neuem den Aufstieg zur Höhle. Es war nicht zu übersehen, daß in unserer Abwesenheit jemand hiergewesen sein mußte, denn die Steinplatte, die den Eingang schützte, lag flach im Inneren, und vom Felsgipfel hing ein Seil. Im Inneren hing ein Seil in den zur Mumienkammer führenden Schacht. Wir wechselten einen Blick, doch fiel kein einziges Wort. Wir machten unser Seil fest, und wie verabredet ließ sich Trelawny als erster hinab, während ich unmittelbar danach folgte. Erst als wir beide am Grunde des Schachtes standen durchfuhr mich der Gedanke, daß wir womöglich in eine Falle getappt waren und daß sich jemand von der Felsspitze am Seil herunterlassen und unser eigenes Seil durchschneiden könnte, um uns so bei lebendigem Leibe zu begraben. Der Gedanke war grauenhaft, und doch war es zu spät, um etwas zu unternehmen. Also behielt ich diese Überlegung für mich. Wir beide waren mit Fackeln ausgerüstet, so daß wir bei relativ guter Beleuchtung den Gang passierten und die Sarkophagkammer betraten. Als erstes fiel einem die Leere der Kammer auf. Trotz der prächtigen Wandmalereien ließ das Fehlen des großen Sarkophages und aller anderen Gegenstände die Höhle wüst und leer erscheinen.

Aber noch schrecklicher wurde der Anblick durch die verhüllte Gestalt der Mumie Königin Teras, die auf dem Boden lag, an jener Stelle, wo der große Sarkophag gestanden hatte. Daneben lagen in den unheimlich verzerrten Stellungen gewaltsamen Todes drei der Araber, die sich von unserer Gruppe getrennt hatten. Ihre Gesichter waren schwarz, Hände und Hälse verschmiert von dem Blut, das ihnen aus Mund, Nase und Augen gedrungen war.

Und ein jeder Hals trug die schwarz werdenden Abdrücke einer siebenfingrigen Hand.

Trelawny und ich traten näher, vor Bangigkeit und Furcht aneinander Halt suchend.

Denn was der Gipfel aller Wunder war, auf der Brust der mumifizierten Königin lag eine siebenfingrige Hand, elfenbeinfarben. Um das Gelenk verlief ähnlich einer gezackten roten Linie ein Riß, an dem Blutstropfen zu hängen schienen.

 

Die sieben Finger des Todes
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